Straubing

Ausstellung in der Galerie im Schlachthof Straubing 26 Mai - 18 Juli 2011

Fotografien von Ulrich Schmitt im ehemaligen Schlachthof
Der in München lebende Künstler Ulrich Schmitt begnügt sich in Straubing nicht damit, seine im Laufe der letzten Jahre entstandenen Fotografien zu präsentieren, er konzipiert und erarbeitet eigens ein ortsspezifisches Ausstellungsprojekt.
Wie bei seinen Fotografien, in denen er Gegenwärtiges aufnimmt und dabei immer wieder Vergangenes anklingen lässt, bezieht er sich auf den vorgegeben Ausstellungsort und auf dessen Geschichte: Der ehemalige, heute kulturellen Veranstaltungen dienende Schlachthof wurde im Jahr 1899 fertig gestellt und bis 1930 von dem Tierarzt Hugo Heiß als Direktor geleitet. Heiß gehörte zu den maßgeblichen, internationalen Experten seiner Zeit. Er verfasste nicht nur eine überarbeitete Ausgabe des Standartwerks „Bau, Einrichtung und Betrieb öffentlicher Schlacht- und Viehhöfe“, er erfand etwa auch einen „blitzartig wirkenden Betäubungsapparat“, der das Leiden der zur Schlachtung ausgewählten Tiere zumindest mindert. In seinen Tagebüchern kommt zum Ausdruck, dass Heiß beruflich und privat innerhalb und außerhalb von Deutschland häufig auf Reisen war, was er äußerst genoss.

Am Anfang von Ulrich Schmitts Auseinandersetzung mit dem Straubinger Ausstellungsort steht nicht die fotografische, sondern die historische (Bestands)Aufnahme mit ausführlichen Recherchen in Archiven und Büchern, wobei er sich insbesondere mit Hugo Heiß befasst. Als Resultat seiner Studien beschließt Schmitt sich auf die Schnittmenge seiner und Heiß´ Reisen zu konzentrieren. Das heißt, Schmitt, der die letzten Jahre immer wieder in Deutschland unterwegs war, um Landschaften zu fotografieren, wählt eigene Fotos von den Gegenden aus, die auch Hugo Heiß bereist hatte. Damit erzeugt er gleichsam eine mögliche, über Jahrzehnte hinweg weisende Überlagerung des Blicks. Zweifellos haben sich im Laufe der Zeit die Landschaften geändert und doch erweisen sich bestimmte Elemente als konstant. Sie reichen sozusagen durch alle Veränderungen hindurch in die Gegenwart hinein. Der Blick auf eine Landschaft wiederum, die Art und Weise wie sie wahrgenommen wird, ist geprägt durch bereits existierende Bilder. In diesem Sinne setzt sich Schmitt ehe er Landschaften fotografiert mit bestehenden, insbesondere fotografischen Bildern auseinander. Nachdem er sie in Büchern, Magazinen oder auf Postkarten gefunden hat, nimmt er sie als Ausgangspunkt für die eigenen Fotografien. Er refotografiert gewissermaßen bestehende Bilder dadurch, dass er vor die Landschaft tritt und sie erneut aufnimmt.

Dieses Interesse an einer Art Grenzverwischung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen bestehenden Bildern und neuen Fotos bestimmt auch das Straubinger Projekt. Für die Wände wählt Schmitt Fotoabzüge unterschiedlichster Größe sei es in Schwarz-Weiß oder in Farbe. Manche Bilder wirken in ihrer intensiven Farbigkeit ausgesprochen neu, bei anderen wiederum bedarf es des präzisen Hinsehens, um sie von alten Fotos unterscheiden zu können. Zwischen den Landschaftsfotos erscheinen immer wieder Architekturfotografien. Ausgehend von den kubistisch-modernistischen Einbauten, die am Straubinger Schlachthof vorgenommen wurden, greift Schmitt hier auf ein in Hannover aufgenommenes Gebäudefoto zurück, wie um eine über die Orte hinausweisende Analogie herzustellen. In Vitrinen und auf einer Ablage zeigt Schmitt Fotos im Postkartenformat. Er durchmischt hier eigene Landschaftsaufnahmen, mit Postkarten von alten Schlachthöfen – reproduzierte Abbildungen aus Heiß´ Schlachthofhandbuch.

Bedenkt man, dass Schlachthöfen, trotz Hygienemaßnahmen und „sanfter“ Tötung, immer ein irritierendes Moment der Grausamkeit anhaftet, dann erweist sich Schmitts Fokus als Blick auf das Andere, auf die Landschaften, auf die Reisen, die zumal dann, wenn man an den einstigen Schlachthofdirektor Hugo Heiß denkt, als Erholung und Kompensation verstanden werden können.

Dr. Heinz Schütz