Donaudurchbruch bei Weltenburg 1996 / 2010

Der Abstecher nach dem anderthalb Stunden von Kelheim entfernten
Weltenburg wird am besten, das rechte Ufer der Donau entlang,
zu Fusse gemacht, und der Pfad dahin bietet einen der angenehmsten
Spaziergänge, indem er fortwährend im Waldesschatten sich hinzieht.
Das Kloster liegt so abgeschlossen in der einsiedlerischen Felsschlucht,
dass man es erst da gewahr wird, wo der Weg, ganz nahe am Ziele,
plötzlich jäh in die Tiefe sich senkt. In hohem Grade überraschend
ist sein Anblick für den vom Rande des Abgrundes Hinunterschauenden,
und unwillkürliches Staunen fesselt den Fuss des Wanderers an
die zauberische Stelle. Noch heute wie vor tausend Jahren kann man
sich hier der Welt völlig entfremdet denken, und kaum irgend ein
anderer Fleck Erde ist geeigneter zu einem Aufenthalte für Solche,
die sich dem beschaulichen Leben in stiller Zurückgezogenheit widmen
wollen.
Das heutige Weltenburg soll die Stelle des Valentia der Römer
einnehmen, und auf dem nahen Arzberge, wo noch schlechtes Eisenerz
zu Tage bricht, suchen die Geschichtsforscher das alte Artobriga.
Das Kloster gilt allgemein für das älteste Benediktinerstift
Bayerns. Bereits in der zweiten Hälfte des 6ten Jahrhunderts soll
hier der fromme Heidenbekehrer Eustasius eine Zelle und ein Kirchlein
zu Ehren St. Georgs errichtet haben. Unter den Schutz dieses
ritterlichen Heiligen wurden bekanntlich auch in Bayern alle Römer-
kastelle gestellt, in dem Augenblicke, als auf ihren Zinnen das Kreuz
des Erlösers sich erhob. Noch jetzt steht die Kirche des Klosters unter
dem Patronate St. Georgs.
Die Tradition der Mönche von Weltenburg gibt den heil. Rupert
als den eigentlichen Begründer und den Herzog Thassilo I. als den
Erbauer an. Insbesondere soll es jener apostolische Wanderer gewesen
seyn, welcher den auf dem Rücken des nahen Hügels, unter den
Trümmern der alten Römerburg stehenden Tempel der Minerva in
das heutige Frauenkirchlein verwandelte. Diess geschah zur Zeit
des Ueberganges aus dem 6ten in das 7te Jahrhundert. Wisunt,
vom Berge Cassino hieher berufen, war der erste Vorsteher des Klosters
Weltenburg.
Wie andere bayrische Klöster, ward auch das zum heil. Georg
an der Donau durch die Ungarn zerstört, und der Bischof Isangrün
von Regensburg nahm einstweilen die Klostergüter unter seine unmit-
telbare Verwaltung.
Bischof Wolfgang der Heilige suchte das Kloster wieder hero
zustellen; den Arzberg befestigte er neuerdings mit einer Burg, welche
die Dynasten von Abensberg und Rotheneck als Vögte besetzten
(um das Jahr 980). Die neuen Mönche waren aus St. Emmeran.
Im Jahre 1122 führte Bischof Hartwich I. in das von den Benedikinern
fast ganz verlassene Kloster Augustinerchorherren von St.
Florian in Oesterreich ein. Aber schon Hartwich's Nachfolger, Bischof
Chuno, übergab 1128 das Stift wieder den Benediktinern, nachdem
er es vorher reichlicher dotirt.
Weltenburg hatte im Mittelalter gleich andern Abteien eine gute
Klosterschule, und, an Ackerland durch seine eingezwängte Lage beschränkt,
betrieb es damals desto eifriger den Weinbau.
In den Zeiten des dreissigjährigen Krieges gerieth das Stift in
grosse Armuth und konnte lange sich nicht wieder erholen. Erst unter
dem Abte Maurus Bächl (1713 -1743) kamen bessere Tage.
Dieser thätige und verständige Mann wusste sich die Huld des Kurfürsten
Max EmanueI zu erwerben, und mit dessen Hilfe richtete
er das verfallene Kloster wieder auf und baute Kirche, Abtei, Konvent
und Brauhaus von Grund aus neu, in der Gestalt, wie sie gegenwärtig
noch stehen. Gleichwohl erntete Abt Maurus, wie so viele
Männer, die sich um das Gemeinwesen verdient machen, nur Undank,
und er entsagte freiwillig seiner Würde.
1803, bei der allgemeinen Aufhebung der Klöster in Bayern, erlag
auch Weltenburg dem zerstörenden Zeitgeiste. Der letzte Abt
war Benedikt Werner, ein Mann von vielseitig gerühmten Vorzügen,
insbesondere ein grosser Freund der Musik, zu deren Geschichte
er schätzbare Beiträge lieferte. Seine reichhaltige Sammlung von
Musikwerken erbte nach seinem im Jahre 1830 erfolgten Tode das
Klerikalseminar zu Freising.
König Ludwig beschloss, die älteste Niederlassung der Benediktiner
in Bayern, vorerst als Priorat dieses Ordens, neu in's Leben
zurückzurufen, und dotirte das wieder hergestellle Kloster aus eigenen
Mitteln. Eben so wurde durch seine Fürsorge und Freigebigkeit die
bauliche Restauration und innere Einrichtung bewirkt. Die feierliche
Eröffnung und die Einsetzung des neu emannten Priors geschah im
Jahre 1842, am 25. August, dem Geburts- und Namenstage des königlichen
Regenerators.
Kloster Weltenburg liegt auf einer kleinen Landzunge, welche
von der Donau auf drei Seiten umströmt, und im Rücken durch hohe
Felsmauern von der übrigen Welt abgeschlossen wird. Die massiv
aufgeführten Gebäude bilden ein Viereck mit grossem Hofraume. Die
im neuitalienischen Style erbaute Kirche galt zu ihrer Zeit für ein
Wunder der Architektur, spricht aber den reineren Geschmack unserer
Tage wenig mehr an. Das Material ist in der Nähe gebrochener
gelblicher Marmor. Auch im Innem ist diese edle Steinart reichlich
genug angebracht; Säulen, Gallerie, Altäre, selbst die Beichtstühle
sind von Marmor. Die Kuppel, durch welche das Licht einfällt, ist
mit Fresken der wohlbekannten Gebrüder Asam geschmückt, Eine
auf den Musikchor führende Stiege ist darum merkwürdig, weil selbe
trotz der Schwere des Materials doch nur auf einer Seite mit der
Mauer befestigt ist.
Das Brauhaus und die Oekonomiegebäude sind gegenwärtig in den
Händen eines Privaten. Von Regensburg wandern alljährlich an den
Pfingsttagen grosse Gesellschaften nach Weltenburg , um sich der
herrlichen Natur, und nebenbei auch - des guten Felsenkellerbieres
zu erfreuen.
Um die Schönheiten der zu Lande unzugänglichen Donauklause,
die lebhaft an den Königssee bei Berchtesgaden erinnern, geniessen
zu können, besteigen wir in Weltenburg einen Nachen und lassen
uns nach Kelheim hinabrudern. Eine der erhabensten Stromgegenden
Europa's thut sich alsobald vor uns auf, denn dicht unter Weltenburg
fahren zu beiden Seiten 3- bis 400 Fuss hohe Felsmauern senkrecht
in die Tiefen der Donau herab, so zwar, dass nicht einmal ein schma-
ler Fusssteig Raum hat zwischen Strom und Fels. Die Wände der
Berge hangen über die Fluthen herein, bilden Höhlen oder zacken
sich in phantastische Spitzen aus, und hie und da streben grössere
Massen, die andern überragend, thurmartig gen Himmel. In den Klüften
und Spalten wurzelt kräftiges Laubholz, sprosst üppiges Buschwerk,
anmuthig mit frischem Grün die allergrauen Felshäupter umflechtend.
Je tiefer man in die Schlucht - sie hiess in alter Zeit das
TraunthaI - hineinkommt, desto feenartiger wird die Scenerie.
Bisweilen glaubt man auf einem abgeschlossenen See zu fahren, denn
vor und hinter dem Schiffe lagern gewaltige Mauern quer über den
Fluss und scheinen jeden Ausweg zu versperren. Feierliche Stille
herrscht in dieser Felsenwüsle, keinen Augenblick unterbrochen von
einem an das Treiben der Alltagswelt erinnernden Geräusche. Der
Strom selbst scheint Stein werden zu wollen, denn fast regungslos
liegt er in seinem tiefen Bette. Nur wenn der Ruf des Schilfers oder
der Knall einer Flinte. das schlafende Echo weckt, dann wird es auf
einmal laut und lebendig rings umher; geisterhafte Wesen scheinen
aus den Klüften und Höhlen den Zuruf zu beantworten, und der Wie-
derhall des Schusses rollt als vielfach sich verstärkender Donner in
den Windungen des Engpasses hin
So gefahrlos, bei ruhigem Wetter die Fahrt auf dieser merkwür-
digen Stromstrecke ist, so bedenklich ist es, hier in leichtem Nachen ,
von einem Sturme überrascht zu werden; denn schleudert ein Windstoss
das Fahrzeug um, so, ist der beste Schwimmer verloren, da die
Steile der Berghänge es ihm unmöglich macht, das Ufer zu gewin-
nen, Indess. ist diese Gefahr leicht zu vermeiden; man unternehme
nur die Fahrt nicht, wenn ein Gewitter am Himmel droht.
Die Bergfahrt durch den Engpass ist sehr beschwerlich, indem
an mehreren Stellen, wie z. B. an der sogenannten langen Wand,
die lotrecht aus dem Flusse aufsteigenden Felsmauen den Leinpfad
gänzlich unterbrechen. Hier sind nun grosse eiserne Ringe in das
Gestein eingelassen, an welchen das Fahrzeug mitels Haken mühsam
hinaufgezogen wird.
Die grottesken Steingebilde, welche längs des ganzen Durch-
bruchsthales in seltsamer Mannigfaltigkeit sich dem Blickezeign, haben
die rastlose Phantasie des Volkes veranlasst, sie in ihrer Weise zu
erklären. Jeder der hervorragenden Felsgestalten ward ein eigener
Name gegeben, und an den meisten haftet eine alte Sage. Eine
mächtige Wand links heisst der KucheIfeIsen, eine andere andere rechts
die hohe Rinne. Auf einer abschüssigen Felsplatte steht das Bild
St. Johanns von Nepomuk, des Schutzpatrons in Wassernoth, und am
Festtage des Heiligen kommt der kühnste Bursche aus der Umgegend,
klettert zum Bilde hinauf und schmückt es mit Blumen und Bändern
für das Jahr. Massenhaft erhebt sich links die lange Wand, und
rechts liegen drei Felsblöcke im Wasser, die drei Brüder genannt.
Drei Junker, vom Stehgreife lebend, wie damals viele ihres Standes, hatten
ein Edelfräulein entführt, für deren Befreihung sie ein reichliches Lösegeld
hofften. Im Begriffe, die schöne Beute auf abgelegenen Wegen über
das Gebirge in ihr Raubschloss zu bringen, traten sie an einer freien
,Stelle des Waldes an den Uferrand, um nach dem Fährmanne zu spähen,
welcher sie über den Strom setzen sollte. Aber plötzlich wich
der Fels unter ihren Füssen, und mit ihm in die Tiefe stürzend,
wurden alle drei von den Wellen der Donau begraben.
Weiterhin rechts sieht man eine finstere Kluft, das Rabenloch,
und dann die schwangere Jungfrau, eine Pyramide, welche nahe
am Ufer hoch aus dem Strome aufstrebt. Von ihr erzählt die Sage,
es habe sich die Tochter eines Riesen, welcher zur Heidenzeit in
einer Höhle des umliegenden Gebirges hauste, mit dem Knechte ihres
Vaters vergangen, und als sie die Spuren ihrer Schande nicht länger,
bergen konnte, sei sie von der jähen Wand herab in die Donau ge-
sprungen. Doch der Strom war nicht tief genug, dass das hoch-
gewachsene Reckenkind in seinen Fluthen den Tod des Ertrinkens
finden konnte. Da erbarmten die überirdischen Mächte sich der
Unglücklichen und verwandelten sie in Stein. Der Leib wölbt auch als
Fels noch sich hinaus, zum warnenden - aber, wie die böse Welt
sagt, nicht abschreckenden Beispiele für die Schwestern. In einer
Schlucht daneben ragt ein einzelner Fels, welcher einer Nonne im
langen Ordenskleide ähnelt; er heisst im Munde des Volkes unsere
liebe Frau.
Links, wo der Leinpfad wieder beginnt, zeigt sich als vorra-
gender Block die lutherische Kanzel. An demselben Ufer, unge-
fähr auf halbem Wege nach KeIheim, bildet der vom Strome zurück-
weichende Felsenwall eine kleine Bucht und gönnt einer Wiese und
einigen Ackergründen Raum. Hier liegt in tiefer Einsamkeit das
Bauerngut Wipfelsfurt. Nun folgt der hohle Stein, unter dessen
mächtiger Wölbung der Leinpfad hinzieht. Rechts gegenüber zwei
Felskegel neben einander, Peter und Paul, deren weisse Häupter;
lange sichtbar, aus dem Waldesgrün hervorschimmern.
Allmählich erweitert sich jetzt der Pass, die Befreiungshalle er- ,
scheint auf ihrer stolzen Höhe, und Getreidefluren im Hintergrunde ver-
küden, dass wir uns wieder der bewohnten Welt nähern. Wir sind
nicht mehr fern von Kelheim aber ehe wir dahin gelangen erfreut
unser Auge noch der Anblick des Nürnberger Thores zwei durch
die Natur zu einem Spitzbogen vereinte Felsgipfel, und des KlösterIs,
eine ungemein romantische Partie am linken Ufer. Hier, auf dem
schmalen Streifen Landes zwischen der Donau und der Felswand,
hatte sich im Jahre 1450 der Bruder Anton, genannt "de septem
castris", mit einigen Andern des dritten Ordens niedergelassen und
errichtete ein Betkirchlein zu Ehren des heil. Bischofs Nikolaus. Höchst
originell erscheint dieser Bau, indem das Kirchlein eigentlich nichts
weiter, als eine Höhlung des ,Felsens ist, die bloss am Eingange durch
eine Mauer geschlossen zu werden brauchte. Die Hinterwand und die
Seitenwände, so wie grösstentheils auch das Dach sind nicht das Werk
der Menschenhand, sondern der Natur. Das Klösterl ward später
Eigenthum der Franziskaner zu Kelheim, und gegenwärtig ist es ein
Belustigungsort der Stadtbewohner, die häufig hieher wallen, um, wie
der sarkastische Schultes sagt: "Gott und das gute Bier zu loben."
Wenige Ruderschläge noch, und wir landen an dem Ufer bei
Kelheim.