Schwangau 1972 vs 2010

Bayerns Hochland zwischen Lech und Isar
von
I. N. Ingerle.

München, 1863.

So eilen wir denn weiter zur viel gepriesenen und besungenen Burg Hohenschwangau, die auf bewaldetem Marmorkegel mit Zinnen und Thürmen gar ritterlich über die schwankenden Wipfel hinaus auf die lichten, ebenen Lande schaut. Grüne, felsnmzackte Wasserbecken, der Schwan- und Alpsee, fluthen am Fuße der Höhe; die stolzen Wappenthiere des Schlosses durchrudern mit vornehmem Ernste die klaren Gewässer.
Die Feste hieß früher Schwanstein. Den Namen Hohenschwangau führten zwei Burgen an den Abhängen des Berges Nendeck, die ihrer Lage nach das vordere und hintere Hohenschwangau genannt wurden. Beide Bauwerke liegen trotz ihrer riesigen Mauern in Trümmern, von Buchen beschattet und von üppigen Schlinggewächsen umrankt. Auf dem nahen Schwarzenberge thronte Frauenstein, von welchem jede Spur verschwunden ist. Ein glücklicher Zufall hat Schwanstein, das nach dem Verfalle der höher gelegenen Schlösser den Namen Hohenschwangau angenommen hatte, vor dem Untergange gerettet.

Nach einer kurzen Strecke stehen wir bei dem Dorfe Schwangau am Scheidewege. Rechts führt die Straße nach Füßen, links zum königlichen Schlosse, „dem göttlichen Punkte", wie ein Professor aus I. voller Entzücken auf dem Peißenberge ins Fremdenbuch schrieb. Bevor ich weiter ziehe, muß ich des uralten Waltenhofens gedenken, das in geringer Entfernung nahe am Lechufer liegt. Im siebenten Iahrhunderte deckte diese Gegend noch eine schauerliche Wildniß. Finstere Wälder und bodenlose Sümpfe machten große Strecken fast unzugänglich. Da kam aus dem Schweizerlande von St. Galls Grabstätte der heilige Magnus und zog dahin, wo jetzt Kempten steht. Dort fand er die alte Römerfeste Oämpoäunum öde und verlassen, von rohen Heiden umwohnt. Hier ließ der Glaubensheld seinen Begleiter Theodor zurück und eilte mit dem Gefährten Tosso nach Epfach, wo Wikterp, Augsburgs Bischof, auf seiner Stammburg saß. Nach eingeholter Erlaubniß, am Fuße der Alpen das Christenthum predigen zu dürfen, zogen die Boten Gottes am linken Lechufer hinan. Land und Leute waren aber in einem solch entsetzlichen Zustande der Wildheit, daß ein weiteres Vordringen unmöglich war. Nicht bloß Bären und Wölfe, der Sage nach sollen auch Drachen und Lindwürmer in den endlosen Forsten ihr Unwesen getrieben haben. Ienseits des Flusses bei Roßhaupten verkündet bis heute eine Kapelle den Ort, an welchem St. Magnus ein feuerspeiendes Ungethüm getödtet haben soll. Von Menschen und Thieren hart verfolgt, wagte der heilige Mann, bei dem Felsenschlunde, durch welchen der Lech oberhalb des Gränzstädtchens Füßen sich eine sinstere Rinne grub, einen kühnen Sprung und drückte der Ueberlieferung nach den Fuß tief ins harte Gestein. Bis heute erfreut sich der Mangentritt der frommen Verehrung. Am rechten Ufer fanden die Apostel in wohnlicher Ebene eine freundliche Ansiedelung, das heutige Dorf Schwangau, von bessern Leuten bewohnt. In der Nähe dieser blühenden Oase in Mitte eines wüsten Landes schmückten die Fremdlinge den Gipfel eines Baumes mit dem Kreuze, daß es weit hinüber leuchtete in die schwäbischen Gauen. Unter dem schirmenden Laubdache erstand ein Bethäuschen zu Ehren Mariens nnd des heiligen Florian; auch die Klause für einen Priester schmiegte sich an das Kirchlein. Mangoldszelle ward die heilige Stätte genannt, von der sich Segen im weiten Kreise verbreitete. Das Volk wurde gebessert, das Feld bebaut und den Bergen trotzte man ihre verborgenen Schätze ab. Nach und nach erstanden um die Kapelle mehrere Häuschen, und so erblühte aus dem winzigen Orte die Pfarre Waltenhofen. Ueber ein Vierteljahrhundert wirkte Magnus in dieser Gegend eifrigst für die Sache der Christenheit, stiftete das Kloster in Füßen und starb den 6. September um das Iahr ö»5. Tosso, der indeß der Nachfolger Wikterps auf dem bischöflichen Stuhle zu Augsburg geworden war, drückte dem Heiligen die Augen zu. Stole, Stab und Kelch St. Mangs werden in der prächtigen Stiftskirche zu Füßen noch gezeigt nnd hoch verehrt. Bei den vielen Unfällen, welche das Kloster zn erleiden hatte, gingen die Gebeine verloren und konnten trotz des sorgfältigsten Nachsuchens nicht aufgefunden werden.

So eilen wir denn weiter zur viel gepriesenen nnd besungenen Burg Hohenschwangau, die auf bewaldetem Marmorkegel mit Zinnen und Thürmen gar ritterlich über die schwankenden Wipfel hinaus auf die lichten, ebenen Lande schaut. Grüne, felsnmzackte Wasserbecken, der Schwan- und Alpsee, fluthen am Fuße der Höhe; die stolzen Wappenthiere des Schlosses durchrudern mit vornehmem Ernste die klaren Gewässer.
Die Feste hieß früher Schwanstein. Den Namen Hohenschwangau führten zwei Burgen an den Abhängen des Berges Nendeck, die ihrer Lage nach das vordere und hintere Hohenschwangau genannt wurden. Beide Bauwerke liegen trotz ihrer riesigen Mauern in Trümmern, von Buchen beschattet und von üppigen Schlinggewächsen umrankt. Auf dem nahen Schwarzenberge thronte Frauenstein, von welchem jede Spur verschwunden ist. Ein glücklicher Zufall hat Schwanstein, das nach dem Verfalle der höher gelegenen Schlösser den Namen Hohenschwangau angenommen hatte, vor dem Untergange gerettet.
Wie vielseitig angenommen wird, mag schon zur Römerzeit auf dem Schrofen ein bewehrter Thurm zum Schutze der Gränze und der Heerstraße gestanden sein. Die Wichtigkeit des Platzes hat wahrscheinlich Veranlassung gegeben, das Bollwerk zu erweitern und es edlen Geschlechtern zur Vertheidigung zu übergeben. Die bekannte Sage vom Schwanritter, der zu Nimwegen für die Herzogin von Bouillon kämpfte, wird auch hier iu ähnlicher Weise erzählt. In grauer Vorzeit soll einmal eine fürstliche Iungfrau von hohem Gemüthe und reinen Sitten Herrin der Burg gewesen sein. Eines Tages stand das edle Fräulein auf der Zinne und schaute weit in das Land hinaus. Da kam ein schneeweißer Schwan auf dem See daher geschwommen, der zog einen goldenen Nachen, worin ein schöner Iüngling schlief. Als derselbe erwacht und ans Land gestiegen war, grüßte er die Prinzessin mit so freundlichen Worten, daß das Fräulein Vertrauen gewann und ihn bat, sie gegen Feinde zu schützen. Sie hatte nämlich einen bösen Oheim, der klagte die Verlassene vor dem Kaiser eines unehrbaren Wandels an und behauptete, ihr Besitz sei an ihn verfallen. Der Kaiser befahl, daß ein Gotteskampf zwischen Beiden entscheiden sollte. Da erschien der Schwanenritter auf dem Richtplatze, bot sich der bedrängten Fürstin zum Vertheidiger an und erschlug im Zweikampfe den habgierigen Oheim. Zum Danke wählte das Fräulein den tapfern Kämpen zum Herrn und Gemahl. Doch Eines erbat sich der fremde Ritter von der lieblichen Braut: sie möge niemals forschen, wer er sei und woher er gekommen, sonst habe d«F letzte Stündlein ihres Glückes geschlagen. Lange Zeit wußte die junge Frau ihre Neugierde zu besiegen, bis sie endlich in einem unseligen Augenblicke ihren Gatten um seine Abkunft befragte. Bei diesen Worten verließ der Ritter stumm und traurig die Burg nnd eilte zum See. Der Schwan harrte mit dem goldenen Nachen bereits am Ufer, zog den Herrn in die blauen Fluchen, wo er verschwand, um nie wieder zu kehren

Bayerns Hochland zwischen Lech und Isar
von
I. N. Ingerle.

Münchrn, 1863.
E. A. Fleischmann's Buchhandlung.
August Rohsold,