German Gothic

„History“ reveals itself to be central to the Gothic mode even when it depicts a contemporary setting. (...) The Gothic dwells in the historical past, or identifies „pastness“ in the present, to reinforce a distance between the enlighted now and the repressive or misguided then.

„Geschichte“ erweist sich als zentral für den Modus der Gothic Fiction, auch dann, wenn sie eine zeitgenössische Situation darstellt. (...) The Gothic ist in der geschichtlichen Vergangenheit zuhause; es zeigt „das Vergangene“ in der Gegenwart und bekräftigt so den Abstand zwischen dem aufgeklärten Heute und dem repressiven oder irrigen Damals.

(Robert Mighall: A Geography of Victorian Gothic Fiction. Mapping History’s Nightmares, Oxford, New York 1999, S. xviii.)

Die Ästhetik meiner Bilder ist von der Gothic Fiction gefärbt, also dem, was wir auf Deutsch „Horrorliteratur“ nennen. Die Landschaft - oft gerade die deutsche und mitteleuropäische Landschaft - hat in dieser Literaturform immer schon eine tragende Rolle gespielt: von den obskuren Schauerromanen des 18. Jahrhunderts wie Eliza Parsons The Castle of Wolfenbach. A German Story bis zu den Klassikern des 19. und 20. Jahrhunderts: Mary Shelleys Frankenstein, Sheridan Le Fanus Carmilla, Algernon Blackwoods The Willows oder, im Bereich des Films, Murnaus Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens. Das später gestrichene Einleitungskapitel zu Bram Stokers Dracula spielt in München und Umgebung.

Hier werden Orte des Bösen inszeniert – mittelalterlich wirkende Städte, Schlösser, Wälder, Gebirge und Schneewüsten –, an denen die Zeit zu stagnieren scheint und sich räumlich verdichtet. Die Ortswahrnehmung ist durch Erinnerungen an zurückliegende Verbrechen verzerrt. Die Landschaften erscheinen in ihrer Präsenz wie zeitlich zurück gebogen, permanent eingetrübt mit kalten, düsteren, melancholischen und unheimlichen Stimmungen. Angesichts solcher Überlagerungen von Zeit und Raum sprechen angelsächsische Forscher der Gothic Novel gern von „dreamscapes“ (David Punter), „crimescapes“ oder „psycho-geography“ (Robert Mighall) – Termini, die sich keineswegs nur auf historische Texte beziehen. Zeitgenössische Autoren stöbern die Gespenster einer untoten Vergangenheit auch unter den Stahl-Glas-Architekturen heutiger Gothic Cities auf. Der Literaturwissenschaftler Robert Mighall sagt über die „urbanen Verbrechenslandschaften“ des Londoner Schriftstellers Peter Ackroyd: „Ackroyd sees the Gothic skull beneath the modern skin of steel and glass. Haunted by absence rather than presence his ‚psychogeographical’ London is a palimpsest of memories.“ 1

Ich habe Peter Ackroyd und seine „psychogeografische“ Methode während meines Londoner DAAD-Stipendiums 1987/88 kennen gelernt. Ackroyd erwandert sich die crimescapes seiner Bücher vor dem Schreiben durch Streifzüge quer durch London. In Anlehnung an Guy Debord und die französischen Situationisten, die den Begriff der „Psychogeografie“ 1955 aufgebracht hatten, erspürt er bei seinen „dérives“ (so nennen die Franzosen das ziellose Umherschweifen) die psychischen Potentiale der Stadt, die Wirkungen, die eine bestimmte Umgebung auf die Gefühle und das Verhalten der Menschen ausübt. Wie Debord interessiert sich Ackroyd besonders für die Ablagerungsspuren der Zeit und versucht, unterschiedliche Schichten der Erinnerung in seiner Heimatstadt London freizulegen. Diese Art, sich seine Motive persönlich zu erwandern und auf sich einwirken zu lassen, hat meine Landschaftsfotografie bis heute geprägt. German Gothic ist mein Versuch einer Psychogeografie deutscher Provinz(en). Die Bilder aus Deutschland laden den Betrachter ein zu einem zwanglosen Driften durch bekanntere und unbekanntere dreamscapes und crimescapes der Bundesrepublik.

1 Robert Mighall: Gothic Cities, in: The Routledge Companion to Gothic, hg.v. Catherine Spooner u. Emma McEvoy, New York, 2007, S. 54-62; S. 56 ff.