Die Schöne Heimat – Bilder aus Deutschland

Parallel zu den Wanderungen findet meine Motivsuche in fotografischen Archiven statt. In Museen und Galerien, historischen Zeitschriften, Katalogen und auf Postkarten forsche ich nach verschütteten, tabuisierten Spuren deutscher Landschaft und Landschaftsdarstellung. Beispiele einer heute weit gehend verdrängten Heimat-Inszenierung sind die alten Bildbände des Langewiesche Verlags, die „Blauen Bücher“. Sie gelten in der deutschen Öffentlichkeit als nicht kunstfähig, weil sie eine „gotische“ Bildsprache sprechen, die politisch belastet ist. Man kann die „Blauen Bücher“ aber nicht auf die Ästhetik des Nationalsozialismus reduzieren. Der Verleger Karl Robert Langewiesche hatte die Serie bereits 1907 erfunden. Sie ist quasi der Prototyp des preiswerten fotografischen Bildbands, wie er immer noch auf dem Zeitschriften- und Buchmarkt vorherrscht. In den 1920er Jahren vertrat Langewiesche auch moderne, neusachliche Positionen, z.B. in den Autorenbänden von Moholy-Nagy, Wolff und Renger-Patzsch.

Bekannt und berüchtigt wurden die „Blauen Bücher“ für Titel wie Die Schöne Heimat – Bilder aus Deutschland. Die „Schöne Heimat“-Folge, die vom Ersten Weltkrieg bis Anfang der 1970er Jahre verlegt wurde, inszenierte ein verlogenes, nicht-industrielles Deutschland-Bild mit unberührten Landschaften. Ein von Kriegsschäden und moderner Hässlichkeit bereinigtes „tausendjähriges“ Reich ohne Fabriken und hektisches Großstadtleben, dafür mit putzigen Fachwerkhäusern, mit gotischen Burgen und Domen, den ewigen deutschen Wäldern und Bergen. Es geht hier überhaupt nicht um die Referentialität, die normalerweise mit dem Medium der Fotografie verbunden ist. Vielmehr schafft sich die Fotografie hier ihre eigene Wirklichkeit. Schon damals war die Nachbearbeitung ein zentraler Bestandteil der Ästhetik. Die Bildredaktion des Verlags hat die Landschafts- und Architekturfotos vor dem Abdruck häufig retuschiert. Menschen und zeitgenössische Zeichen an Häusern, Technik und Industrie (Stromleitungen, Eisenbahnschienen, Hochöfen etc.) wurden entweder ganz entfernt oder sie verschwanden hinter diffusen Nebelschleiern. Diese „Entzeitlichung“ hatte natürlich auch kaufmännische Aspekte: Bei Neuauflagen wurden weniger Abbildungsänderungen nötig. Aber in erster Linie diente sie dazu, den Soldaten im Feld oder den Bildungsbürgern zuhause eine tausendjährige, imaginäre Sehnsuchts-Topografie zu präsentieren. Die Heimat verklärte sich zum mythischen Gebilde, das eine Kontinuität von der Zeit Barbarossas bis in die Gegenwart suggerierte und so die deutschen Großmachtsvorstellungen bildlich unterfütterte.

Wenn ich an die deutsche Landschaftsfotografie denke, muss ich diese Tradition mitdenken. In meiner Kindheit standen die „Blauen Bücher“ bei den Großeltern und Eltern noch im Bücherregal, so wie in unzähligen anderen deutschen Haushalten. Sie haben meinen Blick auf die Landschaft quasi vorgeformt, lange bevor ich verstand, welche Ideologie dahinter steht.