A Giant Awakened: Zwischen Gotik und Gothic

Dass zwischen der gotisierenden deutschen Heimatfotografie und der angelsächsischen Gothic Fiction unterirdische Verbindungslinien existieren, wurde mir zum ersten Mal bewusst, als mir ein amerikanisches Life Magazin vom Mai 1954 in die Hände fiel. Es war ein Sonderheft über Deutschland, genauer über die Bundesrepublik, die zu diesem Zeitpunkt knapp fünf Jahre alt war.

Das Cover zeigt die Ostfront von Schloss Neuschwanstein aus der Vogelperspektive, darunter die Füssener Ebene mit winzigen Häusern, Feldern, Wäldern: „Beautiful Bavaria“, eine Aufnahme des amerikanischen Fotografen Duncan Edwards. Oberflächlich gesehen unterscheidet sich das Life-Cover kaum von dem eines „Schönen Heimat“-Bandes, sieht man von der Farbigkeit einmal ab. Ein sagenumwobenes Deutschlandbild wird gezeichnet, eine wald- und schlossreiche Anderswelt, die auf ewig in den Träumen und Alpträumen historischer Erinnerung eingesponnen scheint. Diagonal über die obere rechte Bildhälfte läuft ein schwarzes Band mit dem Schriftzug: Special Issue Germany – A Giant Awakened. Die Aufmachung lässt an den Blick aus einem Flugzeug denken – oder tatsächlich an den Blick eines „erwachten Riesen“, der sich begehrlich auf das Bergschloss des Märchenkönigs senkt – Ludwigs Stein gewordene Idealvorstellung einer Ritterburg mit Türmen und Ziertürmchen, Giebeln, Zinnen und Balkonen, der nur eines fehlt, was im Mittelalter unverzichtbar war: die militärischen Befestigungsanlagen.

Möglicherweise hat das Life-Cover Walt Disney zu seinem Dornröschen-Schloss inspiriert. Vier Jahre später erschien die Zeichentrick-Adaption Neuschwansteins in Sleeping Beauty.

Das deutsche Sonderheft war ganz offensichtlich als vertrauensbildende Maßnahme gedacht. Es sollte den amerikanischen Lesern ein positives Bild des entnazifizierten, ehemaligen Aggressors nahe bringen. Die USA brauchten die Deutschen jetzt als Bündnispartner – gegen die neue Schreckensmacht Sowjetunion. Auf dem Boden der westdeutschen Länder war die Wiederbewaffnung in vollem Gang. Ein knappes Jahr nach dem Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni, machten sich die USA daran, atomar bestückte Kurzsteckenraketen in Stellung zu bringen.

Allen Freundschaftsbeteuerungen im Heft zum Trotz, bleibt die Botschaft des Covers merkwürdig ambivalent. Das Märchenszenario spielt metaphorisch auf die Wunder-Republik der Nachkriegszeit an. 1954 nahmen die Amerikaner Deutschland vor allem als Land des Wirtschafts- und Fräulein-Wunders wahr. Beiden Themen widmet das Magazin eine Reportage. Doch wie in den Märchen der Gebrüder Grimm lauert hinter dem Schönen das Schreckliche. Die unsichtbare Gestalt des „erwachten Riesen“ Deutschland verbreitet eine latent aggressive Stimmung. Sie gemahnt an die monströse Vergangenheit des Bündnispartners, ohne sie direkt, in harten Worten, anzusprechen. Etwas Unaussprechliches ist präsent, aber nicht sichtbar. Und wie in einem Vexierbild kippt die dreamscape ganz sachte um in eine crimescape. Den Betrachter überkommt ein Schauder, auch wenn das Gezeigte harmlos erscheint.

German Gothic, meine Bilder aus Deutschland, sehe ich genau an diesem Kipp-Punkt zwischen der angelsächsischen Gothic Tradition und der gotischen Bildsprache der Schönen Heimat. Wo diese andächtig raunt und sakral wird, operiert jene subversiv und macht deutlich, dass der Weg vom Disneyland zum absoluten Grauen nicht weit ist. Der Betrachter muss beide Realitätsschichten aushalten.