Pflanzentiere

Die Pflanze als Lebewesen
von Ernst Fuhrmann
Societäts- Verlag, Frankfurtarn Main 1930

Nur ein oberflächlicher Anblick läßt vermuten, daß die Pflanze passiv
ist, daß sie wie ein toter Gegenstand von Wind und Wetter bewegt wird
und bestenfalls den Naturgewalten einen stillen Widerstand entgegensetzt.
Wer nicht mehr sieht, ist wie einer, der durch den Wald gegangen ist
und die Bäume nicht gesehen hat, aber mag er selbst den Baum gesehen
haben, so doch nicht das Blatt und das, was eigentlich "hinter 'dem
Blatt" zu suchen ist.
Tausende von Blättern leben an einem gemeinsamen Gebilde. Wenn wir
ein solches Zusammenleben als einen Staat bezeichnen, so sollten wir
nicht nur das Wort gebrauchen, sondern uns über alles klar werden, was
der Begriff bedeutet. Will man die Natur in der Pflanze kennen lernen,
so bedarf es einer kleinen Fähigkeit zur Abstraktion. Ein besonderes
Wissen dagegen läßt sich leichter entbehren.

Sehen wir nun das Blatt vor allen Dingen näher. an. Wir verstehen es
als das eigentliche staatsbildende Individuum an der Pflanze. Gewiß
verhält es sich in seiner großen Masse ungemein ruhig, solange es ausgewachsen
am Baume dahinlebt. In den entscheidenden Augenblicken
des Daseins aber, bei Geburt, bei Zeugung, beim Austragen der Nachkommenschaft
und in vielen anderen Fällen zeigt es sich plötzlich, daß
das Blatt aus diesem Ruhestadium heraustritt und ganz außergewöhnliche
Leistungen vollbringt. Ganz unvermittelt kann das Außerordentliche im
Blatt Wirklichkeit werden. Als eine solche seltsame Erscheinung muß
man es bezeichnen, wenn an dem Ort, an dem immer em Blatt dem
anderen gegenüberstand, z. B. beim wilden Wein, das eine dieser Blätter
vollkommen verwandelt wird. Wir sehen es zuerst ohne Blattspreite, wie
ein Gerippe hervorkommen, bald darauf aber verwandelt es sich in einen
Fuß; sobald dieser Fuß den Ort, an dem er haften kann, gefunden hat,
sind auch schon die Haftscheiben voll entwickelt. Dieser Fuß, der eigentlich
"nur ein Blatt" sein sollte, übernimmt eine durchaus animalische
Funktion.
Wir sehen also ein schlafendes, aber im Keim vorhandenes, starkes und
vorgeformtes Tierleben in der Pflanze. Es ist daher kein Wunder, wenn
wir einmal versuchen, diese tierischen Züge im Leben der Pflanze an
verschiedenen Orten zu beobachten und an Hand unserer Bilder durch
einige Bemerkungen zu charakterisieren.
Fügt man alle jene Bemerkungen zusammen, m denen auf diese oder
jene Tätigkeit der Pflanze verwiesen wird, so ergibt sich eine Summe von
Tätigkeiten, die der irgendeines uns bekannten Tieres entspricht.
Die Tatsache, daß die Pflanze nur selten handelt, kann uns nicht darüber
hinwegtäuschen, daß jedes einzelne Blatt aktiv werden kann. Jedes
Blatt könnte sogar unter Umständen ganz verschieden handeln. Wir
sehen ja die Gallenbildungen, die entstehen, wenn Insekten sich zur Brut
auf den Pflanzen niederlassen. Am Ort einer solchen Brutablage kann
das Blatt oder ein anderer Teil der Pflanze verschiedene Gestalten
ausbilden, ein und dieselbe Pflanze kann ganz verschiedene Gallenformen
schaffen.
Wir könnten mit einem Wort sagen: in jeder Pflanze schlummern
viele tierische Fähigkeiten. Und sie schlummern eben nur deshalb, weil
die Pflanze eine Periode der Ruhe, der bloßen Entfaltung für die lebende
Substanz ist. Die Pflanze lebt in hohem Grade von tierischen Substanzen,
wie wir durch die Wirkungen des Düngers täglich sehen. Umgekehrt lebt
das Tier nur oder überwiegend von pflanzlichen Substanzen. Dabei ist
die Pflanze ihrer ganzen Struktur nach auseinander gegliedert, dem Licht
aufgeschlossen; das Tier aber in sich gekehrt, verdichtet: sein ganzes
Innere lebt und wirkt im tiefsten Dunkel. Tier und Pflanze sind zweI
entgegengesetzte Pole der einen Lebenssubstanz. Tier und Pflanze
stehen in fortgesetzten Wechselbeziehungen miteinander. Bis zur vollen
Entfaltung ist die Pflanze aktiv, zeigt viel Bewegung und Können, aber
die Ruhe ist ihr eigentlicher Zweck, Schlafen mitten im Licht, nur Lichtwerte
in sich aufnehmen. Kann sie das nicht mehr, so zieht sie sich
wieder zusammen.
Dabei kommen wir noch einmal auf unsere vorige Andeutung zurück:
Die Pflanze ist ein Staat. Ihre Einzelwesen haben ganz verschiedene
Aufgaben zu erledigen. Die einen wirken im Boden, die anderen im Stamm
und in der Rinde, wieder andere kommen zur Entfaltung und einige
müssen eine dauernde Leistung vollbringen, wie eben die Ranken, Kletterfüsse
usw. Das entfaltete Blatt ist wie ein wirklich ausruhendes, unbesorgtes
Lebewesen. Ist aber irgendwo eine Leistung notwendig geworden, dann
schrumpft dieses Blatt zusammen, verkleinert und verhärtet sich. Hunderte
und Tausende von Blättern drängen sich zusammen, um gemeinsam diese
Leistung zu vollbringen. Auch in der Ruhe fügen sich bei den höheren
Pflanzen bereits viele Individuen zur gemeinsamen Entfaltung ineinander
und bilden so die konstanten Formen.
Dies sind einige wichtige Lehren aus der Betrachtung der Pflanzenwelt.
Man kann sie nicht reichlich genug auch im Bilde zeigen; eine Naturphilosophie
wird von solchen Betrachtungen immer wieder ausgehen
müssen.